Mutter wusste es

Es kam der Moment, wo ich wusste, dass ich nicht Leben konnte. Die Scheiße trug mich aus der Wohnung und zwang mich in das Wasser vor dem Parlament. Die Leute sahen mich und wussten, wer ich war. Sie rochen den Kot und mussten sich fast übergeben. Eine Frau mit Hund kotzte sogar direkt auf meine Füße. Ich freute mich fast, der Hund hatte Hunger und ich musste nicht nochmals in das kalte Nass. Es war nicht leicht mich von der Scheiße zu befreien, niemand wollte mir dabei helfen.
Ein Andermal, ich hatte seit Tagen die Wohnung im fünften Stock der sanierungsbedürftigen Plattenbausiedlung nicht verlassen, bekam ich Besuch. Zumindest hörte ich Schritte im Flur, und das kaputte Milchglasfenster in der Sperrholztür gab den Blick auf zwei Füße in zwei Socken in zwei Schuhen und zwei Hosenbeinen frei. Die Schuhe waren grau. Die Socken auch. Ich vermute die Füße auch, ehrlicherweise muss ich zugeben, dass ich das nicht sicher sagen kann. Die Hose aber, das weiß ich, es ist auch meine Farbe, war braun.
Ich überlegte kurz was zu tun sei, besann mich dann aber auf die Worte meiner Mutter, die mir schon in jungen Jahren riet keine Leute mit grauer Fußmode in die Wohnung zu lassen. Vielleicht hatte sie dazu das Fenster einsetzen lassen?
Ich ging zur Küche und wollte gerade ein Joghurtbecher mit Nutella aufreißen, da kam mir wieder die Jungfrau Maria in den Sinn und ihr Kind in die Hose. Der Gestank war bestialisch und ich musste mich setzen, um nicht ohnmächtig zu werden.
Es klopfte an der Tür. Der Gestank hatte mich verraten. Verdammtes Fenster. Was nützt einem, dass man weiß wenn jemand graue Schuhe trägt, aber die Scheiße durch jede Ritze quillt? Die graue Socke klopfte nochmal. Und nochmal. Ich sah mich gezwungen zu handeln. Den Raumspray hab ich immer griffbereit im Holster. Ich kenne keinen Bullen, der seinen Colt schneller zieht. Die verdammte Socke lässt nicht locker. Sie verschafft sich Zutritt zu meinem trauten Heim. Mir vergeht Hören und Sehen. Ihre schon fast harten und dennoch feuchten Zehenspitzen umgarnen mein lichtes Haupthaar, packen mich am Ohr. Das große Loch in der rechten Socke legt einen gigantischen Onkel frei, der Nagel ist gelb und fast so lang wie mein Mittelfinger. Damit fährt mir die Grausocke jetzt unter die Achsel und beginnt mich zu Kitzeln. Ich bin sehr kitzelig, aber lachen konnte ich dabei noch nie. Ich schlage auf die Socke ein. Das Loch weitet sich und die anderen Kollegen, der zweite noch größer als der dicke, springen auf mich zu. Ich gebe mein bestes, sprühe der Grausocke Raumspray zwischen die Zehen. Es hilft alles nichts. Der lange Kollege hält mich gemeinsam mit den anderen drei feigen Säcken fest, während mich der fette Onkel mit seinem Zehennagel an allen denkbaren und undenkbaren Gegenden meines geschundenen Körpers taktiert. Ich schreie wie ein Schwein am Drehspieß. Das heiße Blut tropft auf meine Peiniger, vermengt mit Kot und Speichel. Der Raumspray ist leer. Ich ziehe Meeresbrise und Sommermelone gleichzeitig. Der Angriff sitzt, doch der Onkel hat noch immer nicht genug. Ich werde langsam schwach. Es war wie in den Filmen. Wenn alles verloren, das Schlachtfeld schon zum Massengrab ausgehoben und die letzte Klinge stumpf ist, schwindet dem Mensch der Überlebensinstinkt. So ging es mir. Ich hatte abgeschlossen, sah mein ganzes Leben an mir vorbeiziehen. Zum Licht kam es schon nicht mehr, die verdammten Zehen lassen meinen Tod nicht zu. Der Defibrillator bringt mich zurück ins Leben.
Meine Küche. Mein Jogurt. Ich lecke sofort den Aludeckel ab.
Die Kollegen sind verschwunden, doch die Spuren des Kampfes sind noch deutlich zu sehen. Überall auf dem Küchenboden liegen leere Raumspraydosen herum.
Plötzlich spüre ich einen Schlag an der Fußsohle. Ich fahre herum, richte mich auf und stoße mir den Kopf an der geöffneten Kühlschranktüre. Fast gehe ich erneut zu Boden. Als ich auch noch die Grausocke vor mir sehe, ist alles zu spät. Die Socke und die braune Hose sind noch nicht alles, am meisten schockiert mich die beige Anglerweste. Ich hyperventiliere. Ich höre Stimmen. Meine Mutter spricht zu mir. Sie will mich warnen.

Goldene Schleier der Leuchtstoffröhren

Vielleicht war ich nie so wenig einsam wie heute, doch sitze ich wie immer alleine an meinem Tisch von Ikea und versuche die Worte, welche die Welt bedeuten zu Papier zu bringen.
Viel ist es nicht, mir scheint der Zauber, welcher dem Rausch innewohnte hat mich verlassen, um der Jugend zu gefallen.
Es ist auch unnötig, wenn man mich danach fragt, leben doch die Geister der Vergangenheit in meinem Hirn, bezaubern die Angst vor der Gegenwart und nehmen den Mut für die Zukunft.
Am Ende bleibt nichts außer den Rosinen. Die Magie und die Nüsse sind weg, die Lust nach der Trauer bloße Erinnerung. Es muss nichts Großes mehr sein um zu genügen, es gilt nicht mehr eine Welt zu befreien. Wir sind kaum mehr als die Erinnerung an das Gefühl, als es größer war als wir selbst, die Musik uns nahm und über die Straßen trug. Eine Zeit, verdammt lang her, da wir einst die Liebe kannten, sie uns Menschen hießen, junge Geschöpfe, naiv, als wir den Frieden hassten und der Krieg alles war, die toten so fern wie das Gift der Realität. Die Moral so fern wie die schwäche unserer Glieder, wir konnten alles sein, alles konnten wir sein, ohne alles zu können, ohne etwas zu sein, ohne das Sein. Wir konnten träumen, von einer Welt ohne Angst, waren die Kämpfer der gläsernen Macht, strahlend weiß und unbeschmutzt mussten wir die Zähne wetzen, uns im Schutze des Elfenbeinturms die Wunden lecken.
Die Magie der Worte, die Zärtlichkeit der gefühlten Ewigkeit, ich wollte sie wäre verblieben.
Würde sie liebkosen, ihr den bitteren Sand von den Augen küssen. Wie sehr wünschte ich, dass wir noch ewig wären, die Angst so unberechenbar wie eiskalter Rauch der sich in deinen Klamotten festsetzt, um dich an die Abende zu erinnern.
Die Abende, an denen du einsam zu Hause saßt, benebelt von Wein und Sentiment, dich in den Schwaden der Nacht zu verlieren, um am nächsten Morgen von deiner tollen Nacht zu erzählen. Noch ein kleines Glas, noch ein bisschen mehr vom Deutsch Pop. Bitte, nur noch einer, noch einer und dann gehe ich, verschwinde für immer, aber das ist der beste, bitte, das ist alles, was ich brauche. Ich glaube die Tage der langen Nächte sind gezählt mein Liebling, das Tageslicht ist nun dein Freund, die gelbe Sau am Firmament.
Nicht länger der Mond mit seiner verführerischen Vergänglichkeit wird dein Lotse sein, nicht länger der süße Schleier der Leuchtstoffröhren hinter vergoldetem Glas.

Mit dem es keiner will

Als er sich zu uns an den Tisch setzte, wusste ich, ohne dass ich seinen Namen und seine Vergangenheit kannte, sofort, dass er eine Belastung war. Für uns, hier am Tisch, und die Menschen im Allgemeinen. Keiner sagte etwas, als er sich mit seinen speckigen, klobigen Fingern aus einer wulstigen Hand Messer und Gabel aus dem billigen Ikea Ordning Besteckbecher nahm und ungeduldig nach dem Kellner rief. Ausgezehrt und unterernährt musste er sich gefühlt haben, wie er da saß und nervös mit den Füßen wippend die toten Finger schnipsen ließ. Er sah nicht so aus, ganz im Gegenteil. Gut genährt, fast fett wirkte er, als ihn der Kellner, dem Schnippen wie ein Bluthund gefolgt, am rechten Ohrläppchen zu sich hinauf zog und ihm, einen Schlag mit der Faust andeutend, ebenfalls und nur den Mittelfinger präsentierte. Kurz war mir, als sei die Reaktion überzogen gewesen, unduldsames Unrecht geschehen am eigenen Tisch. Doch dann entschied ich mich zu lachen. Das taten viele, er nicht. Er sank mit einem beachtlichen Stöhnen auf die Holzbank zurück und ich war froh, dass mein Essen kam. Das Schnitzel war kalt und roh, Donnerstag. Der scheinheilige Ungustl gegenüber hatte mit einer aufgeweichten Mischung aus Panade und Sojaersatzprodukten zu kämpfen, welche er mir und dem heulenden Fetten demonstrativ unter die Nase hielt. Der Kellner kam nicht wieder und als der Dicke endlich gegangen war, freute ich mich sehr, dass die Situation sich entspannte. Der Ungustl schien auch erleichtert, da er endlich wieder mehr als eine Pommes aufspießte und in seine vegane Majo tunkte. Weißt du, fing er nach einigen Minuten an, mit dem Vogel will ich echt nichts zu tun haben müssen. Hast du das gesehen? Man hört ja so einiges. Mann, Mann … ein richtiger Trottel. Mann, Mann, Mann. Ich sag immer, Olaf, mit dem nicht. Und trotzdem macht der das jetzt. Ja, sage ich, der Olaf. So ist er. Im Grunde weiß ich weder mit wem ich rede, noch über wen. Ich kratze die Semmelbrösel vom Fleisch und bemühe mich, nachdenklich und geschäftig auszusehen.



Sunny Home

„Freund, bitte vergib mir“ stand auf der beiliegenden Karte. Zuerst hatte er sich gefreut, schon lange hatte Otto nichts von sich hören lassen. Jetzt verfluchte er ihn und sein Buch. Er hasste ihn. Ihn und Seite 143.
Er nahm noch eine Kassette aus der Kiste und drückte sie ins Diktiergerät:
„Ich habe ihn gefunden, ja. Gestern, gegen 15:00 Uhr. Er wollte auf dem Dach nachsehen, ob die Siebenschläfer wieder die Dachziegel verschoben hatten. Dann muss er gestürzt sein. Als ich ihn gefunden habe, war er schon tot.“ „Zweite Aussage O.Veenhofen“.
Oh, diese Stimme. Wie jung waren sie gewesen, wie frei. Er sah auf seine Finger. Sie waren alt geworden. Die Hände eines alten Mannes. Er fischte sich eine der Akten aus der Kiste. Es bestand kein Zweifel, jeder Idiot könnte noch heute nachprüfen, woher die korrigierten Aussagen und Akten gekommen waren und von wem sie in Auftrag gegeben wurden. Zwar war er nicht namentlich genannt worden, doch schien ihm jeglicher Versuch, es zu vertuschen, aussichtslos. Wie hatte er nur so viele Fehler machen können. Die Kollegen von damals waren schon alle im Ruhestand, doch wussten sie seit jeher mehr als sie zugeben wollten. Zumindest kam es ihm jetzt so vor. Der Fenstersturz. Es war ein geflügeltes Wort geworden in seinem Büro, oft wurde es in seiner Anwesenheit verwendet. Sie müssen etwas geahnt haben. Oder nicht? Wenn sich Panik ausbreitet, verlieren wir die Kontrolle. Das hat er auf der Polizeischule gelernt, danach haben er und seine Kollegen gehandelt. Damals. Er war jung, ohne Sorgen und mutig. So mutig, seine Zukunft zu verspielen. Jetzt kann er sie spüren. Die Panik, wie sie langsam am Steißbein entspringt und Millimeter für Millimeter das Rückgrat empor schleicht. Die Wirbel spannen sich, das Mark wird gepresst. Ein Schauder am Nacken, feucht der Flaum auf der Stirn. Es lag am Alkohol. Nie hatte er so ein Gefühl. Es musste am Suff liegen. Aber ein Trinker ist nicht betrunken. Er ist.
„Befragter Otto Veenhoven, 17.06.1977, 14:00Uhr, Fall Veenhofen“. Die verzerrte Stimme aus dem alten Diktiergerät: „Er hat sie geschlagen. Immer wieder hat er sie geschlagen. Wenn der Ofen nicht vorgeheizt war oder er schlecht geschlafen hatte. Olaf ist… war ein kräftiger Mann, die Verletzungen meiner Mutter verheilten oft Wochen nicht. Die blauen Flecken, die Augenringe, nur selten durfte sie das Haus verlassen, niemand sollte etwas merken. Die alten Freunde ahnten nichts, zumindest taten sie so. Niemand tat irgendwas. Einen Arzt durfte ich nie rufen, sonst hätte er auch mich verprügelt. Oft lag der braune Ledergürtel tagelang drohend in unserem Waschbecken.“
„Dr. Wahl, 17.06.1977, 16:00Uhr, Fall Veenhofen“
„Schädelbasis-Fraktur, Hämatome am rechten Unterarm, unterem Rücken und dem Brustkorb. Hämorrhagische Nekrosen sprechen gegen ein Stroma-Hyperplasmie im Corpus-Endometrium und für einen spindelzelligen neoplastischen Prozess. Mehrere eingedrückte Rippen. Fremdes Krafteinwirken nicht au….“ Die Stimme wurde harsch unterbrochen.
„Nicht ausgeschlossen? Er ist gest….“
Mit einem lauten Klacken setzte die Kassette aus. Smit nahm das Band heraus und legte es zurück in die Kiste. Seine Stimme hatte sich verändert. Er hatte sich
verändert. Der Rauch und der Alkohol, alles hat seine Zeit. Was war es gewesen, damals? Liebe? Unwissenheit? Er war dumm. Heute würde er es anders machen, da war er sicher. Das Rechtssystem leitet uns den Weg! Keine Zweifel mehr, Gehorsam. Wie hatte er sich gefühlt, damals, als Robin Hood, als Retter und lüsterner Held.
Er saß an seinem alten Schreibtisch aus lackiertem Kirschholz. Die filzerne Schreibunterlage, Farbe British royal Green, hatte er als junger Polizist von seinem Vater geschenkt bekommen, jetzt sah sie aus wie die speckige Oberfläche einer alten bayerischen Lederhose. Schon oft wollte er sie gegen eine neue tauschen, hatte sich aber so an die schimmernd glänzenden und kahlen Stellen gewöhnt, dass er es nicht übers Herz brachte. Erinnerten sie ihn doch, jede für sich, an die langen Tage und Nächte, die er sich hier den Kopf zerbrochen hatte. Mit all seiner Kraft hatte er, Fall um Fall, versucht, Opfer und Täter zu definieren, Gut und Böse ein Gesicht zu geben. Heute war es anders. Er selbst war es, über den es zu richten galt. Scheiße. Mit einem Mal kam es ihm aussichtslos vor.
Er konnte sich genau erinnern, es war kalt und der Nebel verzog sich bis in die späten Mittagsstunden nicht. Er war erst seit kurzem bei der Crimineel, mit seinen 26 Jahren damals einer der jüngsten. Mit seinem erfahrenen Kollegen musste er zu einer Unfallstelle fahren, in einem kleinen Dorf, Loete, war ein Mann beim Dachdecken abgestürzt und tödlich verunglückt. Die Sachlage für den älteren Kollegen war klar, auch der Gerichtsmediziner ging nach der Obduktion von Mord aus. Die punktuelle Wunde am Hinterkopf konnte, da waren sie sich einig, nicht von dem Sturz gekommen sein. Smit musste die Zeugen befragen, Nachbarn, Familie, die neue Ehefrau und ihren 22-jährigen Sohn, Otto. Es waren lange Stunden, die Arbeit ging schleppend voran. Keiner wollte etwas sagen, keiner kannte die Veenhofen ́s richtig.
Am Anfang war es nur aufrichtiges Verständnis, er mochte Otto, er verstand seine Lage. Er war seine Lage. Er wollte nichts mehr wissen, Recht oder Unrecht, der Zweck heiligt die Mittel. In all den Verhören, Befragungen, Gesprächen, immer klarer wurde seine Position. Bald war es Sympathie, Zuneigung, dann Liebe. Der Sohn einer misshandelten Mutter, sich aufopfernd dem prügelnden Stiefvater entgegen stellend – es war ein Fehler, doch sie liebten sich innig. Sie waren die größten Liebenden im Schatten ihres unsichtbaren Feindes. Smit nahm einen großen Schluck vom Klaren. Er hatte Kopfschmerzen, seine Hände zitterten. Seit mehreren Stunden hatte er seinen Schreibtisch nicht verlassen, das verdammte Buch lag noch immer aufgeschlagen da. Otto ́s Verlag hatte es für ihn verschickt, noch vor der offiziellen Veröffentlichung der ganzen Wahrheit von damals. „Bitte vergib mir“.
Er nahm das Buch und schleuderte es auf den Fußboden, drehte das grelle Licht der Schreibtischlampe ab und lehnte sich zurück. „Sunny Home“, was für ein bescheuerter Titel. Die Flasche Genever war fast leer.
„Züge rollen über Betrunkenen hinweg“, so steht es in der Zeitung. „Der Betrunkene erlitt nur Hautabschürfungen“, haben sie geschrieben. Sie wissen nichts. Keiner
weiß es. Es ist der Trinker, ein ehemaliger Polizist, aber das interessiert jetzt niemanden mehr. Er ist nur noch ein Betrunkener.
Smit sitzt in einem weißen Flanell-Bademantel auf einer Parkbank. Vor ihm ein liebevoll angelegter Teich, umgeben von saftig grünen Wiesen. Alte Eichen weisen mit Stolz gehobenen Kronen den Weg zu dem barocken Klinikgebäude, eine Oase in Altrosa. Menschen gehen vor ihm auf und ab, oft in Begleitung, Eltern, Geschwister, Freunde, Pfleger. Er ist alleine.
Er sitzt auf der Bank und starrt wie gebannt auf den Boden. Er denkt nicht viel, denkt, was er denken darf. Er beobachtet zwei Wildgänse, sie suchen nah am Wasser nach Regenwürmern auf der feuchten Wiese. Die Gänse fliegen weg, er beobachtet die Stelle, wo sie nach Nahrung gesucht haben. Er beobachtet nicht die Stelle, er beobachtet sich, die Stelle beobachtend. Ob er bemerkt hat, dass die Gänse längst den großen Wald erreicht haben und zu flatternden Punkten am Horizont geworden sind? Die Grashalme richten sich langsam auf, einer den anderen stützend, er sieht es nicht. Keine Bewegung. Er beobachtet noch immer die Stelle mit den Gänsen, die nicht mehr da sind. Einige bunte Blumen, gelbe, weiße, rote, aber auch der Klee fallen ihm ins Auge, fallen sofort wieder heraus. Wenn man ihn später fragt, ob er sich an der Schönheit der Blumenwiese erfreut hat, wird er dies bestätigen und die Jahreszeit für das wunderbare Blühen der Krokusse loben. Er wird nicht fühlen wovon er redet, er wird wissen, wovon er reden muss. Ob ihm der Spaziergang gut getan hat, wird man ihn fragen. Er fragt es sich nicht mehr, bekommt er doch keine Antwort. Auf den Mond hat er Lust zu fliegen, dort ist es besser, denkt er. Es gibt keine Krokusse, keine Wildgänse, keinen Frühling.
Schön ist er, dieser Frühling. Er sagt es oft, wie die anderen. Der Mond scheint näher als sonst; obwohl er deutlich als seiden schimmernde Sichel am Himmel zu sehen ist, nimmt er ihn nicht wahr. Er weiß nicht, dass er zu sehen ist an diesem Tag, er weiß von nichts, was um ihn geschieht an diesem Tag, alles Schöne sagen die anderen. Er wünscht sich nichts, weiß er doch nicht, wie es ist. Anders vielleicht, wie auf dem Mond. Otto. Ein Sunny Home.
Der Mond, sagen sie, ist nur ein Satellit. Aber er weiß es.


Haben wir noch fünf Jahre zu weinen?

Haben wir noch fünf Jahre zu weinen? Traue mich nicht der Fernseher auszuschalten, stelle ihn auf stumm. Die Wände reflektieren bunt flackernd das Bild, mir ist kalt. Der Wein entzieht dem Körper jegliche Kraft, schenkt sie der verarmten Phantasie, dem verdammten Denken zu Hilfe eilend flößt sie heißes Öl in die Adern der Behaglichkeit. Stumm der Fernseher, laut die Nacht. Eine Fliege habe ich geweckt, leise zappelnd versucht sie hinter der geschlossenen Jalousie in die Freiheit zu gelangen. Kennt sie diese Freiheit? Es ist dunkel draußen, sie kann nichts sehen, warum möchte sie weg? Vielleicht anders, das ist es, denkt sie, ist es besser als alles, kann sie nicht mehr hören. Muss das licht ausmachen, brennt es doch zu Hell im Selbstverständnis der Gedanken.
Habe mir Notizen gemacht. Auf Tonband, während der Fahrt. Muss sagen was nicht wert ist zu sagen, Struktur nicht erkennbar, gut, böse, Frieden, Krieg, Ziggy und der alte Wessely. Hole das Telefon, sehe zwei Männer auf dem Boden liegend, Schnitt zu einem Hasen im Schnee. Will nicht mehr sehen, macht mir Angst. Nicht der Hase.
Habe mich sehr auf Altaussee gefreut (Die Autokorrektur kennt nur Elbchaussee, wie beschreibend…), hatte Sorge vor mir alleine, bin heute ohnehin fragil. Der Wein ist aus. Liebe es noch immer hier zu sein, keine Selbstverständlichkeit, nur Heimat, in mir. Leider ist Anna nicht hier, hätte ihr gerne gezeigt was ich so liebe. Verstehe dass es nicht geht, sonst verstehe ich nicht viel. Nicht sie, nicht mich bei ihr. Mag sie sehr, fühlt sich komisch an zu schreiben. Vielleicht ein Bier? Im Keller nur Gold. Die Freunde meiner Mutter, sie haben Gold gekauft. Piefke…. Das Märzen fehlt mir, der herbe Nachgeschmack. Ist der Mensch wie Gösser? Muss er bitter sein wie Märzen? Da fällt mir ein, Bier kann nicht lieben, nur geliebt werden. Das ist es. Ein Unterschieb zum Menschen. Ist es Sinnvoll die Menschheit mit einem alkoholhaltigen Hopfengetränk zu vergleichen? Ich hoffe doch.
Das Fernsehbild ist erstaunlich lange ruhig, grünlich die angestrahlte Wand, arte. Kunst als Vorgabe? Film und Kunst? Kunst, komisches Wort. Beängstigend. Aber Begriff für mögliche Befreiung? Bewusst? Darf das?
Wurst. Fast süß, so scheint es mir, schmeckt das blond-, fast gülden Bier.
Mein Glück, und Pech zugleich, ist die Fähigkeit zu lieben. Als Bier hätte ich es bestimmt leichter. Kann nicht verstehen warum ich zu Menschen die ich liebe nicht sein soll wie ich zu Menschen sein möchte die ich liebe, ist Liebe nicht die Blöße der eigenen Gefühle? Ohne rationales denken? Scheiße, das ist nicht so leicht. Denke nicht dass man sich aussucht wen man liebt und wie man liebt, vielleicht ein Irrglaube, ein fataler, aber wahr, für mich.
Möchte arbeiten, das neue Drehbuch schreiben, habe keine Lust. Wollte nie über liebe schreiben, schien mir doch zu alltäglich. Will noch immer nicht, scheint mir zu abstrakt, kann ich nicht. Worte sind präzise, anders als Bilder, sie können schneller töten, verletzen, schmerzen.
Vorteil oder Nachteil? Beides? Vielleicht. Der Stoff über eine Katze, auch das nicht. Gerade schreibt mir Carlos Orellana aus Tegucigalpa über Couchsurfing. Vielleicht liegt es am Alkohol oder meiner seltsamen Stimmung, ich empfinde aber Sympathie für diesen Menschen. Er kennt mich nicht, fragt mich aber wie es mir geht. Eine Phrase? Wird ja häufig als Einstieg in ein Gespräch genutzt, komisch eigentlich. Er will in Fürstenberg arbeiten, wo auch immer das ist. Würde ihn tatsächlich gerne aufnehmen, bin aber schon in Marokko wenn er kommt. Werde ihm Antworten.
Das Flackern des Fernsehers wird immer heftiger, ein Konzert wird gezeigt. Die Scheinwerfer pulsieren im Takt der Synthesizer, schalte den Ton ein. Jazz, ein verträumtes Saxophon. Schön. Keine Ahnung wer. Das Wärmepflaster wärmt nicht mehr, jetzt ist es nur noch ein Pflaster.



Treffen zweier Seelenverwandter. Freibier kostet überhaupt nichts. 

Nacht. Samstag. Glück / Furcht / Kraft Der Tag im Rausch. Sonntag. Als ich dich zum ersten Mal sah, getroffen hatten wir uns schon früher einmal, bei einer Party, bei Freunden von Freunden, als Freundin von P. Als ich dich zum ersten Mal sah, es war auf einer Filmpremiere, der Wein floss und benetzte die trüb gewordene Wahrnehmung, sah ich, was ich nicht verstand. Ich verstand nicht, woher der Blick kam, dem ich nicht versuchen musste Stand zu halten, der tiefe, langanhaltende, welcher in anderen Momenten ein wegsehen erzwingt, ich verstand nicht, warum ich bleiben wollte, mit meinen Augen und mehr, warum ich nicht die letzte U-Bahn genommen hatte, wie ich es mir fest vorgenommen hatte. Ich verstand nicht, warum etwas so schönes sein konnte ohne zu wissen was es war. Soap and Skin in der Küche, Weißwein vom Fensterbrett aus der Flasche in der Kälte der Nacht. Ich verstand nicht, warum ich zitterte. Die Kälte der Januarnacht, sie wärmte unsere Körper. Ich verstand nicht, warum ich nicht wusste was ich tun soll, als du tanztest uns so glücklich aussahst, ich stand im Zug der Nacht und konnte nur Zittern, war glücklich. Joy Divison. Die Bewegungen deines Mundes, die Art, wie du mir zeigtest was es ist zu tanzen. Ich verstand nicht, warum ich sagte, dass ich gehen müsse, verstand nicht, warum es so schön sein konnte etwas, ohne Suche zu finden. Du nanntest es Seelenverwandt. Ich weiß nicht wie ich es nenne, weiß nicht mal, was es ist. 

Der Tag danach. Montag. Auf der Suche nach dem Mond verlief ich mich. Auf der Suche nach dem Mond fand ich etwas, was man Angst nennt. Auf der Suche nach dem Mond verlor ich meine Liebe. Auf der Suche nach dem Mond bekam ich ein Geschenk. Auf der Suche nach dem Mond habe ich etwas gesehen. Ich sah die Sonne. Die Sonne tanzt wie die Schatten unserer hageren Körper. Sie frisst sich in die Iris und zeigt sich voll von Blut und Tränen. Über uns stirbt das Licht, es geht um zu kommen, es stirbt die Sonne um das Blut und die Tränen Gold werden zu lassen. Es stirbt der Geist der Wahrhaftigkeit. Es stirbt die Angst und die Gewissheit. Ich lebe. Bedacht sinkt der schwere Stein in die Unendlichkeit. Wir reisen um zu sehen, wir laufen, um der Utopie zu gefallen. Verlaufen uns, die Monde weisen uns den Weg. Wir rennen. Wir rennen um zu hoffen, betreten gesperrte Straßen. Wir tanzen um zu verlieren. Wir trinken gegen die Sonne und können doch im Dunkeln nur gewinnen. 

„…und macht Schritte von heißem Blut der Nacht entgegen“ 

Neruda


Ja, hier war es! Ich schrie in die Nacht hinaus, wollte heulen vor Freude, alles erklären, bekam kein Wort heraus. Wollte rennen, um der harten Faust der Vernunft zu entfliehen. Sie holte mich ein und schlug mich tot. Nicht vergessen! Mittwoch. Viel war es worüber ich zu denken vermochte. Nicht dich. Treffen mit P. Unheilvolle Vorahnung. Nur diese. Nicht möglich zu vergessen. 

Die Hitze der Blumen so schön sie mich nicht erkennen. Die kalte Lust der grünen Halme fällt im stummen Rhythmus meiner Luft. Der Henker bringt das feste Hanf. Im stolzen Schweiß bleibt der dummen Herzen Herren nur Gewissheit. Rot von Blut treibt die Schar die Körper vor sich her durch die Straßen der goldenen Stadt. Blutig ihre Hände, die Gesichter vom Kampf gezeichnete Landschaften, Augen schwarz und klein wie der Hass. Kein Leben ist wert uns zu retten.

Weine nicht

Weine nicht, es ist so schön hier, dunkel ja, doch weit und frei, im kleinen nur die Welt verstanden, wohl im Haus der Freuden. Weine nicht, kleines, liebe, wir suchen doch werden nicht finden, zu finster ists und auch zu kalt. Freuden der Hoffnung, dem ewig guten Geist des Glücks. Kalte kleine Fee, doch kommt mit ihr das Übel auch. Verlockend, unwiderstehlich, nur die Angst hilft zu bestehen, Angst die Hoffnung der Verdammten, das letzte Gut der bösen Zeit, der üblen Sache strotzend dem Geist schützend das kühle wohl des Lebens vor Augen halten, den Fieberaugen der vergangenen Tode, bleiben im Geist verankert. Weine nicht, es ist so schön hier.